
Ich bin 1966 im hessischen Rhein-Main-Gebiet geboren, im Untertaunus aufgewachsen – in einer Zeit, die vielen heute wie ein verlorenes Paradies erscheint, wenn man an die gerade wieder aufploppenden Copy&paste Beiträge auf Facebook denkt… Aber wie war es denn wirklich, so ganz ohne verklärendes Spitzendeckchen der Kindheitserinnerungen?
Wir waren Kinder der 1970er. Ohne Smartphone, ohne Social Media, ohne Angst – ohne Ahnung von der Welt da draußen. Unsere Welt bestand aus Straßen, Sandkästen, Rollschuhen und Baumhäusern. Wir klingelten an Türen und rannten lachend davon, aßen ungewaschene Äpfel direkt vom Baum und wussten, wann es Zeit war, nach Hause zu gehen – spätestens, wenn die Sonne unterging oder die Laternen angingen (irgendwann fanden wir raus, dass man die austreten kann, das war aber nicht so zielführend, weil wir ja nicht alle austreten konnte….) und auch damla schon hatten unsere Eltern Uhren….
Es war eine Kindheit voller Leichtigkeit. Zumindest fühlte sie sich so an. Doch ein Blick hinter die Kulisse zeigt: Nicht alles war unbeschwert.
Gefühlte Sicherheit – das große Schweigen
Oft heißt es: „Früher war alles sicherer.“Aber die Geborgenheit beruhte weniger auf tatsächlicher Sicherheit – sondern auf fehlender Information und dem Schweigen über Missstände.
Schläge, Ohrfeigen, Stubenarrest – viele Kinder erlebten Härte als normale Erziehung. Lehrer hatten noch Rohrstöcke, Eltern setzten auf Disziplin statt auf Empathie. Kriminalität gegen Frauen und Kinder wurde kaum thematisiert. Häusliche Gewalt war „Familiensache“, Missbrauch wurde verschwiegen. Kinder litten oft ohne Hilfe. Statt Therapie und Verständnis gab es Strafen und „eine hinter die Löffel“…. Unsere gefühlte Sicherheit war oft nur ein Produkt kollektiver Unwissenheit.
Wir gehorchten – aber wir lernten auch, zu schweigen.
Inklusion? Fehlanzeige
Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder Einschränkungen hatten es schwer.
Mein Vater, hochintelligent und fähig, Baupläne intuitiv zu verstehen, blieb Hilfsarbeiter auf dem Bau. Nicht aus Mangel an Können, sondern weil er schwerhörig war und es keine wirkungsvollen Hilfsmittel gab. Selbst seinen Traum, Hufschmied zu werden, konnte er sich nicht erfüllen – keiner wollte einen Lehrbuben, den man ständig anschreien musste, damit er wenigstens die Hälfte verstehen konnte. Gesellschaftliche Strukturen, die Talente förderten oder Inklusion ermöglichten, existierten praktisch nicht, schon gar nicht auf den Dörfern.
Die Umwelt der 70er – Idylle mit Giftspur
Wir spielten draußen, doch die Luft und Flüsse waren belastet:
- Rhein und Main: Chemieabfälle, Schwermetalle, Öl
- Smog im Ruhrgebiet
- Seveso 1976: Dioxin-Katastrophe in Norditalien

- Love Canal 1978 (USA) – Parallelen in Deutschland
- Pestizide wie DDT und Lindan in Landwirtschaft und Gartenbau
- Wir ahnten nichts davon. Nostalgie darf nicht darüber hinwegtäuschen.

Wir waren frei, doch viele blieben unsichtbar: Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen.
Unsere Kindheit war schön – aber geprägt von Schweigen, Ausgrenzung und fehlender Aufklärung. Heute ist viel mehr bekannt, wird viel mehr thematisiert und durch Social Media haben wir direkten Zugang zu Informationen überall auf der Welt. Opfer haben eine Stimme. Häusliche Gewalt wird öffentlich benannt, Inklusion gefördert, Umweltprobleme sichtbar gemacht.
Manches muss man sicher einfach ausblenden, denn wie soll man diese Flut an katastrophalen Ereignissen sonst verarbeiten? Es sollte uns allerdings nicht dazu verleiten, frühere Zeiten zu verklären…

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