Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Von Opfertieren und anderen Schnitzeln

Das muslimische Opferfest ist gerade „überstanden“, im ganzen Land gab es wieder unzählige Verletzte zu beklagen, die türkische Presse hat den schönen Begriff „Acemi kasap“ geprägt, was soviel bedeutet wie „Metzgerlehrling“…. Zur Belustigung der Zuschauer wurden am ersten Abend des Opferfestes – alle Jahre wieder –  in den Nachrichten Szenen wie in einem Cowboyfilm gezeigt, weil verzweifelte Möchtegern-Metzger versuchen, der wildgewordenen Möchtenichtgern-Opfertiere wieder habhaft zu werden, die sich partout ihrer religiösen Pflicht entziehen wollen, und sei es durch wilde Flucht durch die Innenstadt. Verfolgt werden sie von jenen, die zwar das Geld für ein (prestigeträchtiges) Rindvieh haben, aber für den professionellen Metzger dann zu geizig waren und, den Geboten der Religion folgend, als Familienoberhaupt selbst zum Schlachtmesser greifen wollen. Das tun sie aber ungeachtet der Tatsache, dass zu Zeiten Abrahams jedes Familienoberhaupt zwingend Übung im Schlachten hatte, da man seine Köfte nicht im Supermarkt erstehen konnte.
Den verhinderten Abrahams droht dann doppeltes Ungemach, denn erstens bekommen sie von der – zwangsläufig herbeigerufenen – Polizei ein Bußgeld wegen illegalen Schlachtens aufgebrummt, zweitens meist das für teuer Geld erstandene Tier nicht zurück bekommen.
Bei denen, die es schaffen, das Tier nicht ausbüxen zu lassen und sich nicht selbst zu verstümmeln, kommt es dann leider häufig bei der Schlachtung zu unschönen Szenen, da der Schnitt, der das Tier in Sekundenbruchteilen bewusstlos macht, durchaus gekonnt sein muss.  Aus diesem Grund müssen Metzger hier in der Türkei für das korrekte Schlachten des Opfertieres ein Zertifikat vorweisen.
 Auch besitzt ein Privatmann meist nicht diese höllisch scharfen und dünnen Schlachtmesser, die ein Stück Papier in der Luft zerschneiden können (habe ich selbst gesehen)  und dementsprechend ohne „Reissen“ durch die Haut gehen. So wird es dann oft kein blitzartiges Schneiden, sondern ein Säbeln – mit entsprechender Quälerei für das Tier.
Genau diese Szenen haben dem „Schächten“ einen  miesen Ruf beschert, in Deutschland ist es ohne Betäubung verboten.  In der Türkei ist es – wie in den meisten anderen muslimischen Ländern – so tief in der Bevölkerung verwurzelt, dass ein Verbot absolut nicht durchsetzbar wäre. So versucht man es so gut wie möglich zu regulieren: das Schlachten muss durch einen ausgebildeten Metzger erfolgen und an den eigens von der Stadtverwaltung dafür vorgesehenen Plätzen (Ein weiterer Vorteil ist, dass die Felle hier dann auch gleich zentral gesammelt und weiterverwertet werden).
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass viele Menschen vehement gegen das Schächten sind, aber überhaupt kein Problem damit haben, Fleisch aus Massentierhaltung zu verzehren.  Im Prinzip weiss jeder, der ein Huhn oder anderes Fleisch aus dem Supermarkt kauft, dass es aus Industrieproduktion stammt, wo ganz sicher nicht auf die Stress- und Schmerzfreiheit der Schlachttiere geachtet wird. Konsequenterweise müsste man dann auch gleich entweder ganz auf Fleischprodukte verzichten oder bereit sein, entsprechend mehr Geld für Fleisch vom Bauernhof auszugeben. Allerdings geht es auch bei einer Hausschlachtung nicht gerade sanft zu. Protestiert ein  Vegetarier oder Veganer gegen die Opferfesttradition, ist das leicht zu verstehen.  
Gerade zur Zeit des Opferfestes tun aber viele, bei denen durchaus täglich Fleisch auf den Tisch kommt – und sei es nur in Form vom Aufschnitt zum Frühstück –  so, als wüchsen Schnitzel auf Bäumen und würden Frikadellen ausgebuddelt. Als „Dorfkind“ habe ich auch Hausschlachtungen von Schweinen miterlebt, die mir (vielleicht auch nur in der Erinnerung) wesentlich schlimmer vorkamen als das Schächten – ich weiss also in beiden Fällen, wovon ich schreibe.  Im direkten Vergleich kann ich sagen, dass ein fachgerecht durchgeführtes Schächten weitaus ruhiger und stressfreier abläuft als eine Hausschlachtung mit Bolzenschußgerät.  Von der Massenschlachtung in einer Schweine- oder Rindermast ganz zu schweigen.
Eigentlich wäre es dann nur konsequent, auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten – aber soweit geht das Mitleid mit den leckeren Schnitzeln dann doch nicht. Dieses Schlachten findet immerhin hinter verschlossenen Türen statt…

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