Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Was ist los in der Türkei?

Ich bin seit Tagen durch unzählige Blogs und deutsche und türkische Medien, Bilderfluten und Videos, Tweets und Facebook-Einträge gesurft, um mir ein Bild zu machen. Leider ist es nicht so ganz einfach, wie es in deutschen Medien dargestellt wird. Was im Moment in der Türkei passiert, ist hoch spannend, bewundernswert, aber auch beängstigend.

Ganz gefährlich ist a) die Trotzreaktion von Erdogan (Wenn ihr 100.000 findet, finde ich eine Million) und b) vielleicht noch schlimmer:jede politische Gruppierung nutzt die Gunst der Stunde und heizt an und schürt und stichelt.
Das ist geistige Brandstiftung auf höchstem Niveau und macht mir Angst, denn es zeigt, dass sie langsam aber sicher bereit sind, mit allen Mitteln um die Macht zu kämpfen.
Ich frage mich auch, WARUM und WIE die Proteste so schnell um sich greifen konnten. Nicht vergessen: es ging urpsrünglich mal um ein paar Bäume… und die türkische Politik hat ja nun alles andere auf der Agenda, aber bestimmt nicht „Mein Freund, der Baum“ – Umweltschutz findet in der Tagespolitik schlichtweg nicht statt. 

Beschämend war auch die Rolle der türkischen TV-Sender, ganz besonders von CNN Türk, der eine Reportage über Pinguine brachte, während CNN International seinem Image und seiner Rolle gerecht

Viele politische Gruppierungen sind bestens vernetzt und haben natürlich die Steilvorlage der Istanbuler Polizei, die ohnehin schon seit Jahren für ihre Null-Toleranz-Politik bekannt ist, perfekt genutzt. Statt Deeskalation war von Anfang an ein Flächenbrand das Ziel. Die MHP hält sich sauber geschlossen und wird letztendlich wohl davon profitieren, denn so blöd sind die Leute nicht, dass sie nicht merken, wer hier versucht, das Volk zu spalten.
Immer wieder auffällig: ich habe auf keinem Bild irgendwo Frauen mit Kopftuch gesehen….

Leider, so muss man sagen, ist dieser gute und richtige Protest auch von Gruppen benutzt worden, denen es nicht um die Bäume und auch nicht um die Selbstherrlichkeit und Ignoranz der derzeitigen Regierung geht – was ja der Auslöser und das weiterführende Element bei diesen Demonstrationen ist. Gewalt erzeugt Gegengewalt erzeugt Gegengewalt erzeugt Gegengewalt…. Ich frage mich zum Beispiel, was Fahnen mit Öcalan oder PKK-Symbole auf dieser Demo zu suchen haben – sie diskreditieren damit die Hunderttausende in der ganzen Türkei, die für Freiheit und Demokratie auf die Strasse gegangen sind und sie spielen damit denen in die Hand, für die die Demos nur das Werk linker Chaoten und Provokateure sind. Solche Bezeugungen hatten auf diesen Kundgebungen nichts, aber auch gar nichts zu suchen…
Und es ist schon einigermaßen merkwürdig, dass man seit Tagen erschreckende Bilder von Wasserwerfern sieht – und andererseits stinknormaler Regen die Demonstrierenden flüchten lässt (wenn das denn so stimmt) irgendwas ist da schief. Entweder lügen die Bilder der Hürriyet, oder die meisten waren „nur“ Schaulustige….

Gerade in Deutschland hat es keiner der Herren Journalisten, die jetzt vom „Türkischen Frühling“ schwafeln und bewundernd den „säkulären“ Schwerpunkt der Demos hervorheben, begriffen, dass die Islamisierung das geringste Problem ist, das das türkische Volk haben wird, wenn man Erdogan weiter so wüten lässt. Es wundert mich, dass in der AKP keiner den Arsch in der Hose hat, den Mann wieder auf den Teppich zurück zu bekommen… ich habe da allerdings schon einige Zeichen gesehen: Gül hat ausdrücklich (als einer der ersten) beide Seiten zur Mäßigung aufgerufen. Die andere Sache ist, dass seit ein paar Wochen sich der Günay, der alte Touriminister, immer wieder zu Wort meldet…. inzwischen scheint sich hier eine klare Bruchlinie zwischen Gül und Arinc (dem stellvertretenden Ministerpräsidenten) auf der einen Seite und Erdogan auf der anderen Seite abzuzeichnen.

 Meiner Meinung nach ist es aber doch etwas, was man bedenken sollte: es sind vor allem die Jungen, die auf die Strasse gehen. Gehen wir mal von denen aus, die nächstes Jahr zum ersten Mal wählen dürfen, also die, die 2010 noch keine 18 waren. Die Jugendlichen, die zwischen 1993 und 1996 geboren sind (und das sind verdammt viele, die Türkei ist ein junges Land)…. ich „durfte“ es zwischen 1997 und 2000 als Teil einer Fernbeziehung und ab 2001 als Auswanderin erleben, wie unsicher, lähmend und beängstigend das Leben in der Türkei sein konnte. Dass sich das Monatsgehalt von einem Monat auf den anderen in Sachen Kaufkraft um 25% verringerte. Dass es unmöglich war, zu sparen (es sei denn, man kaufte Gold) oder eine Immobilie oder auch nur ein Auto zu kaufen, ohne den Betrag bar auf den Tisch zu legen…. dass ärztliche Behandlung erst einmal bedeutete „cash auf den Tisch“ oder auch nur einen guten Job zu bekommen, wenn man nicht aus dem Milieu der „Weißen Türken“ kam, wenn man nicht im richtigen Viertel von Ankara, Izmir oder Istanbul geboren wurde. Leider auch: die kein Kopftuch trugen – oder deren Mutter kein Kopftuch trug.
Diese Jugendlichen haben ihre Jugendjahre in einem stabilen Umfeld verleben dürfen, oft in einem ganz normalen Mittelklasseniveau. Sie haben ganz selbstverständlich Internet, I-Phone, können – zumindest innerhalb der Türkei – reisen und können zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei ihre Zukunft planen.  Sie kennen keine Existenzangst wie die vielen Menschen zwischen 40 und 60, die oft zähneknirschend die AKP gewählt haben, beim ersten Mal aus Verzweiflung (weil es schlimmer nicht kommen konnte) beim 2. Mal aus Begeisterung (welch ein Wandel in 4 Jahren!!) und beim 3. Mal mit Bauchweh aber mit der Sicht auf die Erfolge der Erdogan-Regierung.
Die Jungen haben diesen Background nicht. Sie sehen nur, dass ihre Freiheiten zunehmend eingeschränkt werden – und das werden sie nicht hinnehmen. Meine Einschätzung: nicht die AKP, aber Erdogan ist erledigt. Gül bringt sich schon seit einiger Zeit als moderater Kontrapunkt in Stellung. Das Wahljahr wird spannend.

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