Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Ein Video geht um die Welt…

Seit einigen Tagen, genauer gesagt seit dem 11.September -ein denkbar (un)passendes Datum- sorgt ein Video für weltweiten Aufruhr, das aufgrund seiner „Qualität“ besser dort geblieben wäre, wo es monatelang herumgedümpelt ist: in den Tiefen von Youtube, wo noch ganz andere Verbrechen gegen die Filmkunst ein unbeachtetes Dasein fristen.

Warum dieses Video nun ausgerechnet jetzt, mit offensichtlich von den Darstellern so nicht gewollten Texten unterlegt, für einen solch wütenden Aufschrei sorgt, ist mir absolut schleierhaft. Genauso schleierhaft ist mir aber auch, wie sich ein denkender Mensch von einem so dummen Machwerk so aufstacheln lässt, dass er bereit ist, anderen Menschen zu schaden. Inzwischen gehören ja insbesondere in Pakistan auch Muslime zu den Opfern. Das ist eine so verquere Eskalation (auf beiden Seiten), dass man wirklich nicht weiss, wo man da anfangen soll. Es sind immer wieder die gleichen Bilder, die gezeigt werden, eng gefasste Ausschnitte mit 3-5 schreienden, hasserfüllten Männern mit zuppeligen Bärten und schmuddeligen Turbanen, im Hintergrund weichgezeichnete Menschen, es können 10 sein oder 100 oder 1000. Wenn man sich wie ich regelmäßig intensiv mit Photoshop beschäftigt, fragt man sich schon, wie die Originalaufnahme ausgesehen haben könnte.

Anders in Pakistan: dort scheinen tatsächlich Tausende, angestachelt von wütenden Imamen, auf die Strasse zu gehen – ob die alle den Film gesehen haben? Ob man diesen nicht auch hätte erklären können, dass der Film tatsächlich eine Beleidigung ist, man aber besonnen darauf reagieren sollte – so wie es die überwältigende Mehrheit der Millionen Muslime auf der ganzen Welt tut?

Es ist dieser Tage verdammt schwer, sich ein einigermaßen klares Bild darüber zu machen, was da eigentlich genau passiert…. gerade weil es auch in Deutschland genügend Kulturkämpfer gibt, die nun ein einfach nur schlechtes Filmchen unter dem Etikett „künstlerische Freiheit“ geschützt sehen wollen. Hüben wie drüben wird das Feindbild „Islam gegen den Westen“ gepflegt, wobei die jeweils andere Seite selbstredend und ohne Ausnahme das personifizierte Böse darstellt. Aber wer weiss schon, was in den Moscheen den meist einfach gestrickten Männern erzählt wird, dass sie in blinder Wut auf die Strasse rennen? Wer weiss schon, welche Intention hinter der Aufstachelei in Staaten wie Afghanistan, Libyen, Pakistan oder dem Jemen steckt? Wer weiss schon, welche Wut sich da Bahn gebrochen hat? Und wo haben die Protestierenden so schnell und in dieser Menge amerikanische Flaggen zur Verfügung? Halten die Moscheen diese schon bereit, im Sparpack mit Feuerzeug und Brandbeschleuniger?

In Ägypten wurden Protestierende (50 ! an der Zahl) festgenommen. In Saudi-Arabien: keine Ahnung – haben Sie was gehört? Ich nicht.

In der Türkei: Auf Facebook, wo ca 70% meiner fast 500 Freunde aus der Türkei kommen, gab es genau 2 Beiträge zu dem Thema. Türkische Politiker nennen das Video eine schwere Beleidigung, verurteilen aber gleichzeitig den Terror in den oben genannten Ländern. Ich kann mich noch dunkel erinnern, dass im Falle der ersten Mohammed-Karikaturen der schweigenden Mehrheit der Muslime und deren Staatsoberhäuptern vorgeworfen wurde, dass sie sich nicht gegen den Terror aussprechen würden. Nun tun sie das, aber das ist wieder einigen auch nicht recht: so bezeichnet Susanne Güsten die entsprechende Meldung von Staatspräsident Erdogan im Tagesspiegel fast schon enttäuscht als „geschicktes Manöver„.

Nein, ich bin nicht dafür, Karikaturen (wenn sie denn gut sind) oder Filme, die kritisch mit einer Religion umgehen, zu unterdrücken. Meinungs- Presse- und künstlerische Freiheit sind ein hohes Gut. Aber ist ein Menschenleben dies nicht auch? Ist die Veröffentlichung ohne Rücksicht auf Kollateralschäden im Namen der Meinungsfreiheit hier überhaupt angebracht? Hier und da wird das Machwerk als „Satire“ bezeichnet – aber wer so etwas als Satire bezeichnet, hat nie Tucholsky gelesen. Satire gleicht einem Kampf mit dem Florett…  und Filme wie dieser sind nur die buchstäbliche Axt im Walde. Sie sind genauso primitiv und „mittelalterlich“ wie der Mob, der auf Geheiss eines bärtigen Eiferers wie auf Knopfdruck anfangen zu toben. Und – zumindest jetzt, nach der Eskalation – nehmen sie genauso den Tod von Menschen in Kauf wie die veblendeten Schreier in Pakistan und anderswo. Für diesen Mob die Bezeichnung „Muslim“ zu verwenden, bringe ich nicht über mich. Mit diesen Steinzeitmenschen habe ich nichts gemein.

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