Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Kein Humba-Tätärää mehr!

Gut, man könnte jetzt sagen, ich bin in einer Zeit der Friedensbewegung und Pazifisten groß geworden, ich kann das nicht verstehen. Will ich auch gar nicht. Mir ist dieses militärische Getue in der Türkei zuwider: Panzerparaden am Tag der Jugend, militärische Parolen für Erstklässler, marschieren üben im Gleichschritt beim Sportunterricht, Märtyrer hier, Gefallene da. Der Krieg wird verherrlicht und ein Junge, der nicht zum Militär geht, wird nicht für voll genommen.
Man kann Atatürk Respekt zollen, aber Erwachsene, die am Todestag des Staatsgründers nach Ankara reisen und heisse Tränen in seinem Mausoleum vergießen, sind mir suspekt. Genauso suspekt sind mir in der Türkei lebende Ausländer, die ständig den Spruch „Atatürk würde sich im Grabe rumdrehen“ im Munde führen und eifrig an der Verherrlichung mitstricken.

Gerade wird wieder in den Augen vieler Ataürk-Fans sein Erbe missachtet und mit Füßen getreten: Die Kinder müssen morgens keine Nationalhymne mehr singen und sofort geht ein Aufschrei durch die nationalistischen Kreise. Und auch die Abschaffung der Uniform (na, mehr oder weniger, da sich fast alle Eltern dagegen ausgesprochen haben und so weiter die Uniform getragen wird) weckt sofort Ängste: Bald kommt das Kopftuch! Dass im Erlass klipp und klar steht, dass die Mädchen „başı acık“  also „mit offenem Kopf“ = ohne Kopftuch zu erscheinen haben, wird da ignoriert.
Was die angebliche Angleichung der sozialen Unterschiede angeht, denke ich, dass es absolute Augenwischerei ist. Schüler privater Schulen tragen die Uniform oft auch in der Freizeit noch (man muss ja zeigen, dass man es sich leisten kann, ein Kolej zu besuchen) Auch an den staatlichen Schulen sieht man es genau: die einen tragen verwaschene, verleierte T-Shirts, schlechte Schuhe, billige Taschen, keine Markenstifte oder -mäppchen. Die anderen haben jeden Tag ein frisches T-Shirt an, Adidas- oder Nike-Schuhe, Markentaschen und Stifte von Faber-Castell….

Ich finde, durch das montagmorgendliche Abdudeln der Hymne, oft knarzend und jaulend, vor müden Kindern, die noch das Wochenende in den Knochen haben, wird die Bedeutung des doch sehr schönen Musikstücks auf eine Pausenklingel reduziert. Eine Hymne sollte bei besonderen, staatstragenden Gelegenheiten vorgetragen werden, nicht x-beliebig an jedem Montag morgen. Dass die Kinder jeden Morgen noch rufen mussten „Ich bin stolz darauf, ein Türke zu sein“ hat für mich schon was rassistisches. Als ob man etwas besseres wäre nur dadurch, dass man Türke ist…

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