Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Von weitem sieht´s ziemlich entfernt aus…

Derzeit überschlagen sich die deutschen Medien mit Berichten über die Türkei – und diese sind durch die Bank unisono negativ. Warum das so ist und warum man sich nicht genauso an anderen (wirklichen) Diktatoren abarbeitet, ist nicht wirklich zu verstehen – soll hier auch nicht das Thema sein. Viel bedenklicher ist die arrogante Einstellung, dass man mit dem Lesen deutscher Presse durch die Bank besser informiert sei als diejenigen, die der türkischen Sprache mächtig sind….
 Positive Nachrichten aus der türkischen Politik – oder, andersrum, negative Nachrichten aus dem „links-kurdisch-liberalen“ bzw. aus dem „säkulären“ Milieu werden so gut wie nie thematisiert. Nicht, dass Abgeordnete der ach so „sozialdemokratischen“ CHP wegen eines abgehängten Atatürk-Posters oder wegen eines kritischen Tweets aus der Partei geworfen werden, nicht, dass HDP-Abgeordneten bei Besuchen in Sur/Diyarbakir der blanke Hass der kurdischen Bevölkerung entgegenschlägt und anderes mehr. Unterschreiben Akademiker einen „Friedensaufruf“, der in seiner Formulierung direkt aus Höhle 3 in den Kandil-Bergen diktiert zu sein scheint, wird elegant übersehen, dass „Friedensverhandlungen“ und „Waffenruhe“ ausschliesslich von der türkischen Regierung gefordert wurden. Nicht einen Artikel ist es wert, dass PKK-Aktivisten in Europa – auf einem symbolträchtigen Platz in Brüssel – ein Kondolenzzelt für die Selbstmordattentäter von Ankara aufstellen, um der „Märtyrer“ zu gedenken…. wohlgemerkt – der Attentäter und nicht der Opfer! Und was wäre wohl, wenn DAEŞ („IS“) in Ankara oder Damaskus ein Gedenkzelt für ihre Suizidbomber von Paris oder Brüssel aufstellen würde? 

Nein, wir leben hier nicht im Glücksbärchi-Land und knutschen Einhörner. Vieles liegt im Argen in der Türkei und die Entwicklung ist beängstigend. Aber – und das glauben offensichtlich viele – gehören zu dieser Eskalation mehr als nur eine Person. Urlauber unterhalten sich mit Personal und kommen zu dem Schluss, dass „jeder gegen Erdogan ist – wie kam der nur an die Macht???“ Fakt ist aber leider, und das wurde mir schon mehrfach gesagt „wenn du Trinkgeld haben willst oder Geschäft machen willst, musst Du gegen Erdogan sein“ – also sagt Kellner Ali vorsichtshalber mal das, was Gertrud aus Gelsenkirchen hören will. Dass er ein glühender AKP-Anhänger ist, wird er ihr im Zweifelsfall nicht auf die Nase binden.  

In den sozialen Medien glaubt man aber unisono, dass man mit der Lektüre der deutschen „Leitmedien“ (oder deren dunkle Schatten, unter anderem Deutsche Wirtschaftsnachrichten, Russia Today oder Sputnik) und ohne jegliche Türkischkenntnisse weitaus besser informiert sei als diejenigen, die seit Jahren in der Türkei leben und der Landessprache mächtig sind. Widerspricht man diesen oft falschen und/oder überzogenen Ansichten, ist man wahlweise „Erdogan-Pressesprecher“, „von Tourismus abhängig und muss deswegen beschönigen“ oder „redet dem türkischen Mann nach dem Mund. 

Bitte, liebe Leute – wenn Ihr irgendwelche Behauptungen aufstellt (gerade bezüglich der türkischen Innenpolitik) dann belegt Eure Behauptungen bitte mit QUELLEN. So kann man besser einschätzen, ob und wie weit diese sachlich begründet oder lediglich Polemik oder, das muss man leider sagen, Propaganda sind.
Ich scheue mich immer, diesen Begriff zu nutzen, da er zu sehr mit „Verschwörungstheorie“ assoziiert wird. Ihr könnt auch ruhig glauben, wenn Leute, die hier in der Türkei (sogar in der Osttürkei) leben und der Landessprache mächtig sind, etwas richtig stellen. 
Es gibt auch keine „gleichgeschaltete Presse“ in der Türkei. Nicht alles ist gut in Sachen Meinungs-/Pressefreiheit… aber das war es früher auch nicht, nur hat es da komischerweise niemanden interessiert – vielleicht weil die Repressalien nicht religiös bedingt waren?? Als Journalistin in der Türkei kann ich davon ein Liedchen singen….

Ich musste mich auch schon zweimal vor der Polizei verantworten, weil jemandem nicht gefallen hat, was ich über Atatürk geschrieben habe!!! Das war aber schon vor Jahren und hat niemanden gejuckt – vielleicht weil ich mich nicht gegen Erdogan geäussert habe?

Auch wenn der Anschein in den dt. Medien anders ist, es gibt in der Türkei sehr viel mehr unterschiedliche Meinungen als es derzeit kolportiert wird. Aber lest doch mal bitte aufmerksam die sogenannten „Leitmedien“ (und so gut wie alle anderen, als „seriös“ geltenden deutschen Medien durch – gibt es da irgendwelche Unterschieden in der Türkeiberichterstattung? Nein. Unisono alles das gleiche…

Am abenteuerlichsten sind allerdings diejenigen, die in ihrer vermeintlich „freien“ Medienrecherche russische Medien anführen, Ausgerechnet Russland, das derzeit nicht nur in einem kalten Krieg mit der Türkei steht und ganz sicher ausschliesslich negative und nicht ausgewogene Berichterstattung zur Türkei zulässt, sondern nachgewiesenerweise derzeit (leider erfolgreich) an der medialen Destabilisierung Europas arbeitet.

Mein Appell nochmal – bitte schenkt doch einfach denen mehr Glauben, die hier leben und Familie haben… und die sich mit der türkischen Sprache und der Innenpolitik auskennen. Danke.

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