Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Wir sind im Krieg – aber in welchem?

was man bis jetzt über den Attentäter von Nizza weiss, deutet nicht wirklich auf einen „islamistischen“ Hintergrund hin, auch wenn es ein fürchterlicher Terroranschlag war und in entsprechenden Kreisen schon gejubelt wird. Nur die Tatsache, dass der 1985 in Nizza geborene Täter ein tunesisches Elternteil hat, ist für die meisten schon Beweis genug, dass es um einen „religiös“ – natürlich islamistisch – motivierten Terroranschlag handelt. Der Täter ist bisher nicht politisch aufgefallen, formuliert man vornehm. Sprich: man konnte bisher keinen islamistischen Hintergrund konstruieren.
 

Warum scheut man sich hier (wie auch in Orlando) von der Tat eines verrückten Mörders zu sprechen, zumindest bis das Gegenteil klar bewiesen ist? Allerdings: zumindest die Tatsache, dass man (wieder mal) die Ausweispapiere im LKW gefunden hat, weist klar auf einen islamistischen Hintergrund hin. Nur Islamisten nehmen ihre Pässe mit auf Mördertour, so scheint es – besonders in Frankreich.
Sarkastisch? Ja, der Schmerz sitzt tief. Viele Kinder sind unter den Opfern, was ist ihre Schuld? Was ist die Schuld der Menschen, die sich auf der Strandpromenade zum Feiern versammelt hatten? Wieviele von ihnen unterstützen die Linie Frankreichs? Auf einem Bild sah man eine Frau, die weinend auf der Strasse entlang lief, auf der Suche nach jemandem. Sie trug ein Kopftuch.

 Sollte der Anschlag wirklich einen politischen Hintergrund haben, dann hat er sicher sein Ziel erreicht: Hass zu schüren, die Menschen zu trennen entlang scharf definierter Linien: mit und ohne Migrationshintergrund, aus Europa oder Nordafrika, Michél oder Mohamed. Für die Opfer spielt es keine Rolle…. gibt es einen Unterschied im Schmerz der Opfer von Andreas Breivik oder Mohamed Lahouaiej Bouhlel? Vermissen die einen geliebten Menschen mehr (oder weniger) deren Verlust durch einen „psychisch gestörten Einzeltäter“ und nicht durch einen „islamistischen Terroristen“ verursacht wurde?  
Die Zeit wird melodramatisch: „Von seiner wunderschönen Strandpromenade blickte man mal staunend, mal sehnsuchtsvoll übers Mittelmeer nach Afrika. Jetzt hat sich dieser Blick für lange Zeit verdunkelt.“
Klingt literarisch sehr schön, geht aber völlig am Thema vorbei. Der Amokläufer hatte zumindest ein französischstämmiges Elternteil und ist in Nizza geboren. Was hat Afrika damit zu tun? Das neue Feindbild?
Man überschlägt sich derweil mit dramatischen Metaphern….
Da wird schon vom „kleinen 11. September Frankreichs“ spinntisiert… in Frankreich! auf einer berühmten Strandpromenade! Am! französischen! Nationalfeiertag!!! Als hätte es nur Tage früher nicht mehr als 200 Tote in einer belebten Einkaufsstrasse in Bagdad gegeben, in der heiligsten Zeit des ,muslimischen Jahres, einen Tag vor dem zweitwichtigsten islamischen Fest. Warum? Weil Nizza uns nicht nur räumlich näher ist? Oder weil man insgeheim das Gefühl hat „Die da unten sind ja selber schuld“?? 
Schon kommen die ersten aus den Löchern gekrochen, die gehört haben wollen, dass der Mann „allahu akbar“ geschrieen haben will. BILD war mal wieder dabei und postet ohne jegliche Rücksichtnahme „Berge von Leichen“ (Man kann sich bildlich vorstellen, wie die Herrschaften in der Redaktion vor Erregung sabbern) Ohne Schamfrist wird von islamistischem Terror gefaselt, gegen den man sich im Krieg befindet. Gegen wen? Gegen die Al-Kaida-Nachfolgeorganisation IS?
Aber die Antwort von Frankreich ist bereits klar: man werde weiter gegen die Terroristen in Syrien mit Härte vorgehen. Geht man davon aus, dass man sie spätestens nächsten Dienstag besiegt hat? „An Wehnachten bin ich wieder zuhause“ haben schon mal Soldaten gesagt, nichts ahnend, dass sie in den schrecklichsten Krieg des neuen Jahrhunderts zogen, der eine neue Ära der unpersönlichen Vernichtung ganzer Generationen eröffnet hatte. Und eine ganz neue, goldene Ära eines Wirtschaftszweiges: die Waffenindustrie.
Seit wievielen Jahren genau versichert man uns immer wieder, man müsse nur mit noch mehr Härte, mit noch mehr Kontrolle, mit noch mehr Restriktionen gegen diese Terroristen vorgehen, dann werde man das Problem in kürzester Zeit im Griff haben? Es sei denn… es betrifft die Türkei, das kann ich mir nun doch nicht verkneifen. Da wird natürlich vorausgesetzt, dass es den „Krieg“ beenden werde, wenn man die Terrorgesetze entschärft. Wie jetzt??

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