Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Das rassistische Gesicht der Moderne…

Der Nationalismus greift um sich und das nicht nur in Deutschland. Dort wird es allerdings thematisiert und auch kritisiert, zur Recht; es gibt eine starke Bewegung gegen die rassistischen „Wutbürger“ die als dumpfe und ungebildete Menschen wahrgenommen werden und inzwischen auch (endlich) mit einer Strafverfolgung rechnen müssen.

Was man allerdings derzeit an Rassismus und teilweise fast bösartigem Hass gegenüber syrischen Flüchtlingen in der Türkei liest, wird in den deutschen Medien wie folgt „kommentiert“:

Die „WELT“: 
„Erdogans jüngste Initiative zur Verleihung der Staatsbürgerschaft an syrische Flüchtlinge wurde im Internet gleich mit Fragezeichen versehen.“

„Der Westen“
„Im Internet erntete Erdogan aber von seinen Landsleuten unter dem Hashtag #UlkemdeSuriyeliIstemiyorum (Ich will keine Syrer in meinem Land) überwiegend Kritik.“

„BILD“ 
TÜRKISCHER PRÄSIDENT WILL SYRER EINBÜRGERN
Sucht Erdogan so nur neue Wähler?

13592301 10153904672653752 1992856248399797542 nUnd wie sieht die „Kritik“ oder das „Fragezeichen“ eigentlich aus, das nun durch die türkischen sozialen Medien geistert? Das ist eine vornehme Umschreibung für einen hasserfüllten Rassismus, der den unbeteiligten Leser entsetzen müsste und nicht zu einem verständnisvollen Kopfschütteln bringen… 

Auf dem Meme steht „während die Bomben jede Nacht auf die Städte fielen, machten wir Liebe ohne Unterlass“
Andere mokierten sich darüber, dass im letzten Jahr bei 3 Millionen Flüchtlingen 6000 Babies geboren wurden „geh kämpfen und nicht poppen“ ist da nur ein netter Kommentar. 

Dass sich die deutsche Presse seit geraumer Zeit unisono und ohne zu hinterfragen die Sichtweise der Opposition zu eigen macht, daran hat man sich ja inzwischen gewöhnt.

Was wie oben von der Welt, Westen, Bild und vielen anderen (teilweise im absolut gleichen Wortlaut) so verniedlichend als „Kritik“ tituliert wird, ist nichts anderes als blanker Hass und Rassismus. Die besorgten Zwischentöne – die durchaus angebracht sind angesichts der vollmundigen Versprächen des türkischen Präsidenten und der bislang fehlenden Konkretisierung – fehlen fast völlig. Differenzierung ist allerdings weder die Stärke der einen noch der anderen Seite. 

Eine kritische Beleuchtung der Opposition bzw. der sich selbst so titulierenden „modernen, liberalen, säkulären“ Türken findet in den deutschen Medien nicht statt (in den türkischen natürlich auch nicht. Im Lichte der eigenen Liberalität sonnt man sich und beleuchtet nicht seine Schattenseiten, so das Motto der „regierungskritischen“ Medien).
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Dabei wäre das, was im Moment (und auch früher schon) durch die sozialen Medien in der Türkei geistert, durchaus einmal eine Analyse wert. Dem Gedanken, dass Muslime über alle Nationengrenzen einander helfen und sich unterstützen sollen, setzen viele Türken nämlich einen geradezu fanatischen Nationalismus entgegen, für dem sich teilweise sogar die AfD noch schämen würde. Storch und Gauland vielleicht ausgeschlossen. 

Dieselben Türken übrigens, die sich in ungewöhnlicher Meinungsgleichheit mit der sonst so gehassten Regierung über die 101 Jahre vergangenen Vorkommnisse um die Armenier darüber echauffiert haben, dass der Deutsche Bundestag dies als „Völkermord“ bezeichnete, benutzen jetzt das nebenstehende Bild von – genau – 1916: „Das Jahr 1916. Gegen die Osmanen kämpfende Syrier. „Ich will keine Syrer in meinem Land“. 

Aberr worum es wirklich geht und wie es funktionieren soll, das kann man fast nirgendwo lesen. Was bisher bekannt wurde, geht es in erster Linie um hochqualifizierte Flüchtlinge, die man durch das Versprechen der türkischen Staatsbürgerschaft halten und davon abhalten will, die Weiterreise nach Europa in einen ungesicherten Status als Flüchtling zu riskieren.

Nirgendwo steht, dass „Allen 3 Millionen Syrern“ die Staatsbürgerschaft geschenkt werden soll. Inzwischen wurden umfangreiche Prüfungen bis hin zu einer Art „Persilschein“ von Polizei und Geheimdienst angekündigt – wohl auch, weil der Widerstand weitaus grösser ist, als man erwartet hat, auch unter den Anhängern der Regierung. Derzeit hat ein solches Ansinnen ziemlich sicher keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung. Allerdings kann man ziemlich genau verorten, wo derzeit Kritik oder Besorgnis aufhört und blanker Rassismus anfängt. 
Die Antwort allerdings was in welcher Bevölkerungsgruppe überwiegt, ist kein Thema in der deutschen Presse. Genauso wenig wie es bisher ein Thema war, dass gerade die modernen und säkulären Türken seit Jahren durch negative Äusserungen und Aktionen gegen die in der Türkei lebenden Ausländer auffallen… „ya türkçe konuş yada sus“ (spricht türkisch oder schweig) ist da noch eine harmlose Parole… dass ausgerechnet eine „modern“ eingestellte Lehrerin von mir und meinen Kindern verlangte, wir sollten gar kein Deutsch mehr sprechen (auch nicht zuhause) ist da nur eine kleine, miese Anekdote. 
Vor einigen Jahren kam geraume Zeit der Immobilienverkauf an Ausländer völlig zum Erliegen und viele Deutsche, die Immobilienbesitz an der Türkischen Riviera hatten, wussten nicht mehr wie es weiter geht mit ihrer teilweise teuer erstandenen Immobilie. Was damals auch kein Thema war: der Verkaufsstopp ging auf eine Initiative der oppositionellen nationalistisch-kemalistischen CHP zurück, die damit den „Ausverkauf der türkischen Heimat“ verhindern wollte. Auch das Ansinnen der Regierung, das überaus diskriminierende Arbeitsrecht für Ausländer neu zu regulieren, wurde vom Vorsitzenden derselben Partei in Bausch und Bogen abgelehnt, „solange es noch einen einzigen türkischen Arbeitslosen gibt“ – Meldungen dazu sucht man in der deutschen Presse vergebens.

Vermutlich einfach deshalb, weil das Bild der geplagten, aber aufrechten oppositionellen Lichtgestalten nicht nur einen Schmutzfleck davon tragen würde….

 

 

 

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