Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Auf den Spuren von Alaeddin Keykubat

Mit dem Sultan Alaeddin Keykubat verbindet die Stadt Alanya ein besonderes Verhältnis. Alanya war in der Blütezeit der Seldschuken, deren Hauptstadt Konya war, der „Hafen“ der Stadt und gleichzeitig die zweite Residenz des Sultans. Unter seiner Herrschaft erlebte das Reich der Rum-Seldschuken eine Blütezeit, er unterstütze Künstler und Gelehrte. Alaaddin galt als besonders fromm und gelehrt, es heisst er konnte mehrere Sprachen sprechen, darunter arabisch und persisch. Zu seiner Regierungszeit galt das Land als sicher, die Handelswege waren nicht von Räuberbanden bedroht und die Wirtschaft florierte. Sultan Alaaddin Keykubat regierte den Seldschuken-Staat ab 1219, bis er 1236 bei einem Aufenthalt in der Stadt Kayseri einem Giftanschlag zum Opfer fiel. Kein Wunder, dass er bei dem neu entdeckten Faible der Türken für die eigene Geschichte in Alanya eine Sonderstellung einnimmt.

Alaiyya – später Alanya – erlebte in der Regierungszeit von Keykubat seine erste Blütezeit. Der Sultan baute die Stadt fast zur Gänze neu und nutzte sie als Winterresidenz. Die Karawanserei Alara Han bei Okurcalar wurde auch auf seinen Befehl hin errichtet. Er siedelte Wissenschaftler und Künstler an und machte damit aus dieser alten Piratenstadt in kurzer Zeit eine Hauptstadt, in der Kultur, Handel und Wissenschaften blühten. Auch wurden einer Reihe von Kaufleuten Konzessionen gegeben. Edelsteine, Gold, Silber und Getreide konnten zollfrei eingeführt werden. Auf andere Importe wurde nur eine geringe Steuer eingehoben. Die wichtigsten Güter, die Alanya an Kaufleute aus Venedig, Genua und Florenz verkaufte, waren Gewürze, Leinen und Zucker. Zedernholz war ebenfalls ein beliebter Exportartikel, insbesondere nach Ägypten.

Karaköy Burg
Die Karaköy Burg beim Dorf Karaköy/Gündoğmuş

Vieles war bislang nicht bekannt oder wurde nur durch mündliche Überlieferung der damals (und heute noch teilweise) nomandischen Bewohner der umliegenden Berge am Leben erhalten – so heisst es bei den Dorfbewohnern, dass das Dorf Karaköy eine besondere Bedeutung für den Sultan gehabt habe. Auf einer Bergspitze in der Nähe des Dorfes finden sich Reste einer mächtigen Burganlage, der Karaköy Kalesi. Erst seit neuestem ist die Burg einigermaßen erreichbar, wenn auch – wie wir erfahren mussten – selbst mit einem allradgetriebenen Landrover nicht leicht und nur von erfahrenen Offroadern zu erreichen. Das letzte Stück Wegs, das derzeit mühsam dem Berg und dem Gestrüpp abgerungen wird, ist derzeit noch nicht fertigt gestellt – wer die Burg erreichen will, braucht daher nicht nur ein geländetaugliches Fahrzeug, sondern muss auch selbst geländetauglich sein. Das letzte Stück muss mehr oder weniger geklettert werden, worauf wir an diesem Wochenende verzichteten – es war einfach trotz des angekündigten Regens noch viel zu heiss. Von der Anlage her ist die Ähnlichkeit mit der Alara-Burg nicht zu verkennen.

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Nach einigen Kilometern, die dem Landrover das Letzte abverlangten, war dann Schluss

An diesem Wochenende veranstaltete das Dorf Karaköy zum ersten Mal das „Sultan Alaeddin – Festival“ mit dem die Geschichte wiederbelebt werden soll und natürlich auch Touristen ins Dorf gebracht werden sollen.

Aktiv beteiligt ist hier der Muhtar der Saray Mahallesi, Süleyman Dora, der auch einen Dolmus zum Festival organisiert hatte, der so gut angenommen worden war, dass beinahe nicht alle Interessenten mitgenommen werden konnten. Als Organisator trat hier der von ihm gegründete Verein „Bin aile bir aile“ – Tausend Familien, eine Familie – die es sich zum Ziel gemacht hat, nicht nur die Einwohner in der Saray Mahalle, eine der am dichtesten besiedelten Viertel von Alanya, wieder zu mehr Zusammenhalt zu animieren, sondern auch die zu Alanya gehörenden Dörfer zu unterstützen. So bekamen alle 9 Schülerinnen und Schüler des Dorfes eine komplette Ausstattung zum neuen Schuljahr geschenkt.
Die Bewohner des Dorfes hatten einiges vorbereitet: so wurden alte Spiele gespielt (Gerade die Wippe 

Die Dorfstrasse ist bereit für das Fest
Die Dorfstrasse ist bereit für das Fest

erfreute sich besonderer Beliebtheit auch bei den „grossen“ Kindern) und die Frauen präsentierten altes Handwerk: so wurde gezeigt, wie aus Ziegenhaar grobe und aus Schafswolle feinere Fäden gesponnen wurden, wie man auch heute noch breite, stabile Bänder in traditionellen Farben flicht, die anschliessend als Seile oder als Pferde-Zaumzeug verwendet wurden oder wie aus Weintrauben der Traubensirup Pekmez gekocht wird.
Gözleme und ein traditionell auf Holzfeuern in riesigen – badewannengroßen – Pfannen gekoche Reisgerichte wurden den hungrigen Gästen ebenso serviert wie der allgegenwärtige Tee, der in grossen Kannen ebenfalls auf Holzfeuer gekocht worden war.

Für den Trupp an Hobbyfotografen, dem ich mich angeschlossen hatte, um ein Wochenende mal wieder ausgiebig ohne Druck an den technischen Finessen der Kamera zu „schrauben“, war das Dorf

So wird der Traubensaft für den Sirup "Pekmez" gewonnen
So wird der Traubensaft für den Sirup „Pekmez“ gewonnen

buchstäblich das Fotografen-Paradies. Die Menschen im Dorf nahmen ihr „Engagement“ als Models gelassen und leicht amüsiert hin und posierten geduldig – und auch mit viel Spaß. In unserer „Hütte“, die direkt neben dem Festplatz stand und die unser Logis war, trudelten immer wieder Dorfleute auf ein Schwätzchen oder auf einen türkischen Kaffee ein, der natürlich stilecht ebenfalls auf dem offenen Feuer zubereitet wurde.
Wieder einmal hat mich die heitere Gelassenheit und die Ruhe der Menschen dort in den Bergen beeindruckt. Die Freundlichkeit ist nicht überschäumend, aber herzlich, vom Kind bis zum Opa, der einen Heidenspass daran hatte vorzuführen, wie der Traubensaft gewonnen wurde: indem man die Trauben in einem Sack in einer Betonrinne durch treten auspresst.

Anschliessend wird der Saft stundenlang unter ständigem Rühren dick eingekocht, bis er zu dem dickflüssigen Pekmez wird, das nach Ansicht der Dorfleute praktisch jede Krankheit kuriert von Magenzwicken bis Grippe. Mit Mehl gebunden und weiter eingekocht werden dann auf Ketten gefädelte Walnüsse immer wieder in die süße Pampe getaucht, wie ein Kerzenzieher den Docht – bis die Nüsse von einer dicken und nach dem Erkalten fast gummiartigen süssen Masse umhüllt sind und wie Würste aussehen.

Im Dorf trafen wir dann auf Atilla Kurc, der sich in Antalya als Architekt auf den Bau von Häusern aus Stein und Holz

Attilla Kurç
Attilla Kurç

nach altem Vorbild spezialisiert hat und nun auch in der Gegend von Karaköy ein „seldschukisches Dorf“ nach historischen Vorbildern errichten will. Die Häuser sind nach den Plänen kreisförmig angeordnet, zweistöckig mit je einem Zimmer pro Stockwerk und mit Holzöfen beheizt. Im Sommer ist durch die dicken Steinmauern keine Klimaanlage erforderlich. Diese Häuser sind besonders als „Yazlik“, als Sommerhäuser, wie sie in der Region in den Yaylas derzeit einen Boom erleben, geeignet. Auch für die Dorfbewohner soll das Projekt neue Einkommensquellen erschliessen, da die Sommergäste ja auch im Dorf ihre Lebensmittel – wie fast überall in den Bergen natürlich von Grund auf „bio“, erwerben werden. Ein besonderes Augenmerk richtet der Architekt, der Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters ist, auch auf die ökologische Unbedenklichkeit dieser „Anlage“. Abfall und Abwasser sollen schonend entsorgt werden. Die Häuser werden nach historischen Vorlagen originalgetreu erbaut – mit Motiven und Designs, die fast 1000 Jahre alt sind. An dem Bau werden 40 – 50 Bauarbeiter, die sich auf die alten Techniken verstehen, in Lohn und Brot kommen. Das Projekt entsteht auch dank der Unterstützung des Saray Muhtars Süleyman Dora.

Nachts sollte es dann noch ein Highlight geben: Fotosafari auf Milchstrassenjagd…. leider zog sich der Himmel nach einiger Zeit zu und die Sterne waren nicht so gut zu erkennen… aber in klaren Nächten ist der weite, sternenübersäte Himmel ohne die allgegenwärtige Lichtverschmutzung ein überwältigendes Erlebnis…. 

Waldbrand-Beobachtungsplatz auf dem Cakillica Kule Tepesi in 1500 Metern Höhe
Waldbrand-Beobachtungsplatz auf dem Cakillica Kule Tepesi in 1500 Metern Höhe

Nach der interessanten Veranstaltung machten wir uns dann auf den Rückweg nach Alanya, nicht ohne der Waldbrand-Beobachtungsstation auf dem Cakillica Kule Tepesi in 1500 Metern Höhe abzustatten.

Hier sind von Mai bis Oktober zwei Mitarbeiter der Forstverwaltung stationiert, die einen grandiosen Rundumblick auf die Berge haben und damit gleichzeitig die Wälder im Blick. Ein Abstecher auf diesen Gipfel, dessen Aussicht dem Tahtali bei Kemer in nichts nachsteht, ist absolut zu empfehlen.
Den Cakillica Tepe erreicht man, wenn man auf dem Weg zum Parkorman-Restaurant rechts zur Gökbel Yayla abbiegt und dann an dem grossen weissen schild rechts in den Schotterweg einbiegt. Der Weg ist nicht asphaltiert, aber bei gutem Wetter problemlos mit dem PKW zu erreichen.
Aber Achtung: auch im Sommer ist es eisig kalt auf dem Gipfel, es war stark windig und maximal 10 – 15 Grad! 

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