Angekommen. Tagebuch einer Ausgewanderten

Tot ist tot – oder etwa doch nicht?

Es ist eine mittlerweile schon bekannte Tradition, dass die Zahl der Tierschützer einmal im Jahr regelrecht explodiert. Plötzlich tauchen zwischen appetitlichen Wursttellern und begeisterten Kommentaren zu Kebab und Lahmacun weitaus weniger appetitliche Bilder von Blut und Eingeweiden auf. Dann weiß man: es ist wieder einmal Opferfest und die Zahl der Teilzeitveganer potenziert sich innerhalb von Tagen. 

Warum sind bekennende Wurstfans plötzlich gegen das Töten von Tieren? Tot ist doch tot, oder etwa doch nicht?  Was ist denn so verstörend an der Tatsache, dass da einmal im Jahr zugegebenermaßen eine Menge mehr Schafe, Ziegen und Kühe das Zeitliche segnen, um auf den Tellern zu landen? Wo ist der Unterschied, sagen wir mal, zur Vorweihnachtszeit, wo Millionen Gänse demselben Schicksal entgegen schauen? 

Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass es vor allem die Tatsache ist, dass den Stadtmenschen plötzlich und unangenehm vor Augen geführt wird, dass für ihre schöne Bratwurstschnecke auch ein Tier sterben musste; dass  sie aus ihrer bequemen Supermarktwelt gerissen werden, wo man Fleisch nur ganz unblutig und fein verpackt über die Wursttheke gereicht bekommt oder im Restaurant als Wurst auf dem Teller sieht. Sie sind dann empört, wenn man ihnen dann einmal im Jahr die hässlichen Seiten des Fleischkonsums in Form von Blut und Innereien unter die Nase hält… irgendwie scheinen sie dann aus ihrer Teletubbie-Welt aufzuwachen, in der die Kebabs auf Bäumen wachsen und die Bratwurst ein Wurzelgemüse ist. 

Leute: schaut Euch bitte einmal eine Hausschlachtung in Deutschland an, wie ich sie als Kind bei meinem Onkel miterlebt habe. Wenn der Bolzenschuß nicht sitzt und das Vieh schreiend, blutend und kackend über den Hof rennt, sich dabei womöglich noch die Beine bricht, weil es auf dem Blut des vorher geschlachteten Tieres ausrutscht (der Metzger kommt nämlich nicht nur für eine Kuh oder ein Schwein), dann ist das ganz sicher nicht humaner als das Schächten. Von den industriellen Massentötungsanlagen in den Fleischfabriken mal ganz zu schweigen…. Aber da kommt ja einfach vorne das lebende Tier rein und hinten die säuberlich verpackte Fleischportion raus, der Verbraucher wird mit so ekligen Begleiterscheinungen wie Gedärmen, Blut und Tierleid nicht belästigt. 

Selbstverständlich ist es nicht zu tolerieren, wenn jedes Jahr wieder unzählige selbsternannte Metzger mit stumpfen und billigen Messern an den Opfertieren rumsäbeln, diese sich das verständlicherweise nicht gefallen lassen wollen und durch Flucht oder Angriff dagegen protestieren. Genauso wenig ist es zu tolerieren, dass die Überreste der Schlachtung irgendwo in die Landschaft gepfeffert werden. Wer hier aber den Islam als solches beschuldigt, liegt komplett falsch. Wird der Schnitt mit einem guten Messer und sachgerecht durchgeführt, ist diese Methode keinesfalls grausamer als die Schlachtung in einer Massentierhaltung oder bei einer Hausschlachtung, im Gegenteil. Der Schlachter, bei dem wir unser Opfertier schlachten lassen, ist ein Profi. Das dauert keine 5 Sekunden vom ersten Schnitt bis das Tier hängt. Und die anderen Tiere müssen, wenn es alles korrekt zugeht, davor bewahrt werden, den Tod des Artgenossen zu sehen. 

Bei manchen Kommentaren und besonders widerlichen Bildern beschleicht mich allerdings den Verdacht, dass es den Teilzeit-Tierschützern um etwas ganz anderes geht als um die armen Tiere oder die unappetitlichen Hinterlassenschaften: sie wollen damit ihre Ablehnung des Islam kundtun. Dafür wird dann gerne mal auf immer die gleichen Bilder mit von Innereien überquellenden Mülltonnen (das Bild stammte aus Aserbaidschan) oder Föten zurückgegriffen. Letzteres ist in der Türkei sowohl gesetzlich strengstens verboten als auch vom Islam in keinster Weise gedeckt. Schwangere Tiere werden nicht geschlachtet, ohne wenn und aber (übrigens weltweit verboten oder wenigstens verpönt). Aus diesem Grund werden auch so gut wie nie  weibliche Tiere als Opfertiere zum Verkauf angeboten. 

Man teilt besonders abstoßende Bilder von Blut und Gewalt und will damit seine ablehnende Haltung zum Islam kundtun. Dass die wirklich teilweise widerlichen Vorgänge absolut nichts mit dem Glauben und dem Opfer zu tun haben, wird ausgeblendet. Aber so manchem geht aus ideologischen Gründen leider die Fähigkeit zur Differenzierung verloren… 

2 Kommentare

  1. ..also wenn ich Leuten glauben darf, die das selbst machen, ist da mit oder ohne Betäubung kein Unterschied, was eventuelle Quälereien angeht. Mit nem sauberen Halsschnitt, den man allerdings auch drauf haben muss, ists Licht auch nach wenigen Sekunden aus. Und der Großteil des Elends liegt ja bei den meisten Viehchern klar vor der Schlachtung. Glaub aber kaum, dass die grünen Verkünder sich übers Rhetorische hinaus damit beschäftigt haben.

    • Nicht nur nach ein paar Sekunden, sondern quasi SOFORT. Dazu gibt es auch eine wissenschaftliche Untersuchung mit Hirnfrequenzströmen, die bewiesen hat, dass es keinen Schmerzfreflex beim Schächten gibt# beim normalen Schächten allerdings noch minutenlang. Also genau umgekehrt…

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